UNVERSTELLT-Session #32 Juliane

Gespräch mit Juliane nach ihrer UNVERSTELLT-Session bei mir im Studio

Was war deine Motivation, dass du dich jetzt fotografieren hast lassen?

Mein Name ist Juliane Beer, ich bin vor 5 Tagen 50 Jahre alt geworden und war darüber ziemlich erstaunt, dass es schon 50 Jahre sind. 1976 geboren zu sein bedeutet, dass man jetzt 50 ist 2026.

Ich hab mich zum jetzigen Zeitpunkt fotografieren lassen wollen, um mir eine Erinnerung zu schaffen und um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kurz mal zwischendurch festzuhalten, weil das Leben sonst so schnell vorbei ist. Ich wünsch mir ein Portrait oder ein Foto von mir mit dem Bewusstsein, dass halbe Leben hinter mir zu haben aber auch das halbe Leben noch vor mir zu haben und ich empfinde diesen Lebenspunkt extrem spannend in meinem Kopf, in meinem Körper, im Hormonspiegel und im fleischlich gewordenen Alt werden. Deswegen wollte ich mir ein Bild machen von dem Ganzen. Es ging mir weniger darum ein Foto zu machen, sondern ich wollte mir ein Bild machen von der Zeit, die war, die ist und natürlich weiß man nicht was kommen wird aber aufgrund dieses kurzen Festhaltens und Dokumentieren meiner Selbst ist es halt ein guter Startpunkt in die zweite Lebenshälfte. Und deshalb hab ich mir gedacht, das ist ein guter Anlass.

Und ich hab noch nie vorher ein Fotoshooting von mir selbst gehabt. Selfies gemacht natürlich und auf Schnappschüssen hab ich mich schon immer wieder gesehen aber ein bewusstes sich hinstellen und ablichten lassen ist das erste Mal und das mit 50!

Wie sieht du das Thema Sichtbarkeit von Frauen ab 50? Hat sich das für dich persönlich verändert im Laufe der Zeit und wie sieht du das Thema gesellschaftlich?

Dieses sich zeigen wollen hat man wahrscheinlich ein ganzes Leben lang. Als junger Mensch muss man auf Partys gehen, um sich zu zeigen, damit man gesehen wird. Wobei ich mit meinem Organ nie Probleme hatte gesehen zu werden, aber mich nicht zeigen wollte.

Und jetzt ist es so, dass Fünfzigjährige Frauen - wahrscheinlich sagt das eh jede - werden halt tatsächlich in der fotografischen Welt weniger hergezeigt oder präsentiert als Männer in dem Alter. In Werbungen zum Beispiel sieht man eher ältere Männer als ältere Frauen, ästhetisch gesehen. Wenn es um Versicherungen oder um Vorsorge geht, dann werden auch ältere Frauen gezeigt. Aber wenn es um kosmetische Produkte, um Produkte für jedes Alter dann werden Fünfzigjährige, glaube ich nie fotografiert. Also ich hab keine in Erinnerung.

Ich hab das Gefühl jetzt mit 50 Jahren mehr sichtbar zu sein, als mit 30 beispielsweise. Ehrlich gesagt weiß ich jetzt gar nicht, ob man mich jetzt mehr oder weniger anguckt. Wahrscheinlich optisch eher weniger, weil die Fülle so voll geworden ist. Früher, haben natürlich die Jungs hinterher gepfiffen oder man wurde angepöbelt auf tollpatschige Art. Also man wurde im Straßenbild wahrscheinlich eher angequatscht. Und jetzt werde ich angequatscht von den Touristen, wo es lang geht, viel mehr als früher. Die Perspektive der Leute, die mich ansprechen hat sich massiv geändert, meine nicht.

Ich zeig mich gerne als Mensch in der Öffentlichkeit und sag sogar was, hab ich gelernt, und hab keine Probleme damit oder wenn die Frisur nicht sitzt ist es ok. Wenn ich mit meinen Gartenschuhen durch den 1. Bezirk laufe, hab ich überhaupt kein Problem damit, oder so mit Kleidung, bin ich jetzt auch nicht so die Modemaus…

Sehen und gesehen werden musste ich mir allerdings auch antrainieren. Ich war eher unfreiwillig in großen Mengen von Menschen als junger Mensch, als junge Frau. Da hab ich mich eher nicht so wohl gefühlt, anders als jetzt. Jetzt fühl ich mich in der Menge sicherer, weil es einem wurschtiger geworden ist, das schon.

Jetzt haben wir ja die Fotos gemacht. Mich würde interessieren, wie hat sich das angefühlt für dich. So ab dem Zeitpunkt, als du ins Studio gekommen bist, während des Fotografierens und danach, als wir uns die Bilder angesehen haben?

Also mir ist aufgefallen, dass es dir als Fotografin gelingt, die Kamera wegzusprechen. Also die ersten Minuten hab ich die Kamera gesehen und gespürt, bin immer mitgegangen und das hat sich verloren bis zum Ende des Shootings. Was ich gut fand, weil dann kann man sich gegenüberstehen und sein, wie man möchte. Schon auch kommunizieren, nicht immer verbal aber so und da ist die Kamera nicht mehr zwischen uns gewesen. Das fand ich eine interessante Erfahrung für mich, dass es möglich ist, diese Technik herum zu vergessen.

Weil das frage ich mich bei Schauspielern auch immer: Wie könnte ich denn so spielen, wenn so viel Setting um einen herum ist. Wie schaffen die das? Und ich hab zum ersten Mal selbst erfahren, dass man das ausblenden kann. Und das finde ich gut, das finde ich urcool.

Ich fotografiere selber gerne, nicht professionell und denk mir dann auch immer: Man begegnet Menschen, willst sie fotografieren und die verhalten sich anders. Machen sogar Zeichen, die total bescheuert sind. Also das ist ein Wahnsinn, die eiern rum ohne Ende. Aber wenn man das weiß, dass die Kamera auch verschwinden kann, ich weiß nicht genau, was du machst, aber du kannst sie verschwinden lassen, was cool ist. Ich weiß nicht wie.

…Das finde ich spannend, das hat mir bis jetzt noch nie wer gesagt.

Ich hab sie vergessen können und es lag nicht daran, dass sie nicht vor mir stand, weil ich mit dir ja kommunizieren konnte und sie vergessen konnte. So würde ich es beschreiben, aber irgendwas machst du, was gut ist und einem Sicherheit gibt.

Wie ist es dir gegangen, als du dir die Foto angeschaut hast. Das war ja auch eine neue Erfahrung für dich. War das schwierig für dich, dich selbst so in der Menge anzuschauen?

Ist mir nicht schwer gefallen. Es war interessant zu sehen, wie man sich so verändert hat. Das Bild von einem ist tatsächlich anders als wenn man sich auf einer Fläche sieht, die beleuchtet wurde und die schöne Farben hat und was an hat, was man ausgesucht hat.

Naja, also das Aussuchen, welches das Beste ist fand ich schwer aber mich selber anschauen ist mir nicht schwer gefallen.

Und weil du sagst, das Bild von dir selber ist ein anderes, wie schaut das aus?

Jünger, viel jünger, tausendmal jünger, als ich aussehe. Ich denke ja nicht jeden Tag daran, dass es da irgendwelche Hautveränderungen und Falten entstehen. Falten, ja ich dachte das ist was für die Werbung, damit man irgendwelche Cremes verkaufen kann aber die sind ja wirklich da. Das ist mir so aufgefallen. Aber ich bin ok damit, sind halt Falten.

Die Veränderung von einem selber auf Fotos festgehalten zu haben finde ich erstmal gut. Das bedeutet ja nicht, dass das gestoppt wird aber für mich erstmal schon, eine Weile. Ich hab kein Problem mit dem Älterwerden sondern mit dem hinterher kommen, mit dem Kopf und dem Gefühl, dass man dem Alter entsprechend hinterherkommt. Das fällt mir schon schwer und die Fotos zeigen mir: du bist wirklich jetzt 50 und man sieht das, auch wenn man es noch nicht so fühlt. Und das finde ich gut. Das gibt mir Sicherheit oder Perspektive. Interessant auch, also ich interessiere mich für mich, rein äußerlich, ich seh mich nur nicht immer so. Das ist so zwischen Erfahrung und Lernen und nochmal neu akzeptieren und das finde ich gut.

Super, danke dir!

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UNVERSTELLT-Session #28 Pavla